hexenquer(Deutschland 1970)
Mark of the Devil

Regie & Drehbuch: Michael Armstrong & Adrian Hoven

Kamera: Ernst W. Kalinke

Musik: Michael Holm

Darsteller: Herbert Lom, Udo Kier, Olivera Katarina, Herbert Fux, Adrian Hoven

 

 

 

 

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Und wieder hat es ein Film geschafft, sich aus den Zwängen der Philister zu befreien! Zunächst erst Jahre nach seinem Erscheinen indiziert und dann nochmal Jahre später als menschenverachtend beschlagnahmt, wurde im Jahre 2016 die Beschlagnahme aufgehoben. Die Bundesprüfstelle wollte diesen Schatz Titel aber nicht so einfach hergeben und zickte so lange mit juristischen Spitzfindigkeiten, bis das AG Tiergarten diesem Treiben jetzt deutlich ein Ende bereitete. Jetzt hat sich das bockige Kind die BPjM gefügt und es ist deshalb höchste Zeit sich dem Film einmal genauer zu widmen.

Erstaunlicherweise hatte ich den Film selbst noch nie gesehen. Er war anfangs recht schwer ungeschnitten zu bekommen und der Titel an sich lässt auch nicht gerade einen Klassiker der Filmgeschichte erwarten. Also blieb diese Bildungslücke bestehen, bis ich mir zur Feier des Tages die englische Version anschauen durfte.

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Wie der Name schon sagt, geht es in dem Film um Hexenverfolgung, die aber von den eigentlichen Hexenjägern vorzugsweise zum eigenen Vorteil durchgeführt wird. So beschuldigt der Hexenjäger Albino die Wirtin Vanessa der Hexerei, weil sie seinen sexuellen Avancen nicht zugeneigt ist.

Zum Glück ist Christian de Meron, der Lehrling bei dem Inquisitor Lord Cumberland, zur Stelle und fordert eine Anklage sowie einen einen ehrlichen Prozess. Zum Schutz nimmt er Vanessa mit auf die Burg und so kommen sich die beiden näher.

Mark of the devil 011Lord Cumberland führt allerdings nur reine Schauprozesse und nutzt dabei die Folter als bequemes Mittel, um den Verlauf in die gewünschte Richtung zu lenken. Das ist natürlich schlecht für Vanessa, die nun erst einmal in dem sich stetig füllenden Kerker landet. Als dann noch ein Marionettenspieler mitsamt seiner Familie trotz erwiesener Unschuld in das Visier der Inquisition gerät, wird der Gewissenskonflikt für Christian unerträglich und er beginnt zu handeln.

Die Story ist bei weitem nicht hochklassig, aber solide inszeniert und bei aller Vorhersehbarkeit recht kurzweilig anzuschauen und durchaus unterhaltsam. Das wundert auch nicht, wenn man einen Blick hinter die Links der oben genannten Macher wirft. Hinter dem Film steht eine ausgesprochen erfahrene Filmcrew: So hat Kameramann Ernst W. Kalinke zum Beispiel vorher einen ganzen Stapel Karl May Verfilmungen auf Celluloid gebannt. Unter anderem den Schatz im Silbersee, in dem Herbert Lom den Colonel Brinkley mimte. Aber auch Co-Regisseur Adrian Hoven war schon erstaunlich lange im Business, seine Karriere begann bereits zu braunen schwarz-weißen Zeiten mit Quax in Afrika.

Mark of the devil 008Klingt also alles ganz harmlos. Ist es aber nicht. Denn zu dieser wunderschöne Filmästhetik, irgendwo zwischen Winnetou und Sissi, addierte man eine im deutschsprachigen Kino bisher vollkommen unbekannte Zutat: Hemmungslose Gewalt! Ob Vergewaltigung, Folter oder Hauerei. Es wird nichts mehr angedeutet, sondern die Kamera hält drauf. Entsprechend groß war nicht nur das Geschrei der Schauspieler, sondern vor allem auch das der intellektuellen Szene, die mit dieser Art so ganz und gar nicht klarkommen wollte.

Der Evangelische Film-Beobachter (heute epd Film) formulierte diese Hilflosigkeit damals sehr poetisch:

 

Eine Brutalitätenschau ohne jede humanistische Tendenz.
Sie fordert Sadisten als Zuschauer.

Schärfster Protest gegen diesen Film!“.

 

Ich denke, dass selbst in der Redaktion von epd Film das Thema Exploitation inzwischen differenzierter betrachtet wird. Mir fällt dazu vor allem der gern zitierte Ausspruch eines unbekannten Kinogängers ein: „Für 50 Pfennige Eintritt kann ich erwarten, dass an meine niedrigsten Instinkte appelliert wird“. Punkt!

Natürlich wirken die Effekte aus heutiger Sicht ausgesprochen harmlos, aber 1970 war das wirklich neu. Dabei ist es auch noch erstaunlich, dass diese Brutalität nicht so wirklich mit der restlichen Bildästhetik harmonieren will, der Konflikt erinnert ein wenig an die Divergenz der Rahmenhandlung mit dem Rest eines Pornos. Aber letztendlich ist es genau das, was den heutigen Unterhaltungswert von Hexen bis aufs Blut gequält ausmacht.

Mark of the devil 010In jeder Szene schreit der Film „Hey ich kann das eigentlich besser, aber das hier soll so sein“ und man fragt sich wirklich, was die Leute sich dabei gedacht haben. Allein schon die Tatsache, dass Michael Holm, der gerade mit „Mendocino“ seinen ersten großen Hit feierte, hier den – wunderschönen - Soundtrack beisteuert, macht fassungslos.

Es ist wirklich bemerkenswert, was hier an Qualität freiwillig vor die Säue geworfen wurde!

Vielleicht lockte bloß der schnöde Mammon, aber dafür standen die meisten Akteure eigentlich viel zu gut im Futter. Vielleicht wussten sie gar nicht, um was für ein Machwerk es sich handelte und der Film wurde erst im Schnittraum böse gemacht. Das wäre zumindest eine beliebte und regelmäßig falsche Ausrede. Oder war es einfach der Versuch, einen Ausgleich zur weichgespülten heilen Welt der üblichen Unterhaltungsproduktionen zu schaffen? Das wäre dann wahrlich gelungen und man wäre damit etwa 35 bis 40 Jahre den Feuilletons voraus gewesen. Chapeau!

Mark of the devil 012Die Realität aber ist, leider wie so oft im Leben, ein ganzes Stück langweiliger. Die permanent im Raum stehende Frage „Was in aller Welt haben sie sich dabei gedacht?“ lässt sich mit der schulterzuckenden Antwort „Nichts!“ recht adäquat beantworten. Für die Schauspieler war es in erster Linie ein Job. Und die Folterszenen dabei weit mehr Herausforderung und Abwechslung als ein wie auch immer gemünztes Statement. Udo Kier war noch so neu im Geschäft, dass er sich einfach so über seine Rolle freute, Herbert Fux war noch Jahrzehnte später fasziniert über die Gestaltung der Trickeffekte und für Gaby Fuchs war aufgrund ihrer Höhenangst die schlimmste Szene, als Sie in großer Höhe zur Verbrennung aufgebummelt wurde.

Der eigentliche Grund für die seltsame Konstruktion des Streifens liegt in der bisher nicht weiter erläuterten (und aufmerksamen Lesern natürlich schon aufgefallene) Kraft der zwei Regisseure. Michael Armstrong war die eigentlich treibende Kraft. Er war fasziniert von der unvorstellbare Grausamkeit des Mittelalters und strebte eine möglichst realistische Darstellung an. So wurden beim Dreh auch originale Folterinstrumente genutzt und die Anklagepunkte entstammen echten Vernehmungsprotokollen jener Zeit.

AlMark of the devil 001lerdings verzettelte er sich jedoch mit seinen kreativen Ideen, so dass der eigentlich nur als Produzent und Herstellungsleiter vorgesehene Adrian Hoven irgendwann übernahm und den Film zu Ende inszenierte. Mit Hilfe seiner großen Erfahrung konnte er dabei den bisherigen Stil von Armstrong mehr oder weniger gelungen weiterführen. Pikanter Weise wurden die härtesten Szenen unter seine Regie gedreht.

Die durchweg ablehnenden Reaktionen, die sich später in den 80er und 90er Jahren zur effizienten Zensur-Maschinerie entwickelten sorgten aber zunächst dazu, dass sich der deutschsprachige Exploitationsfilm zukünftig auf die Erotik-Schiene begab. So bleibt dieser Film, bis auf einen (mir noch unbekannten) Nachfolger mit noch besserem Titel und noch schlechteren Kritiken ein ziemliches Unikat.

 

Fazit:

Ein solide gemachter Film, der die Zuschauer in einen Zustand von Faszination und Fassungslosigkeit versetzt. Gute Schauspieler, exzellente Kamera sowie ein wirkungsvoller Soundtrack werden kombiniert mit Fulci-esquer Gewaltdarstellung. Das macht eine zukünftige Kaufentscheidung leicht. Vielleicht sogar mit blauer Altersfreigabe. Verglichen mit Tanz der Teufel wäre das eigentlich nur fair.

 

Sören

 

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Zu Teil 2

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