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Nosferatu - eine Symphonie  des Grauens / Nosferatu, a Symphony of Terror /
Terror of Dracula / Die zwölfte Stunde - Eine Nacht des Grauens

(Deutschland 1922)

Regie: F.W. Murnau

Drehbuch: Henrik Galeen

Vorlage: Bram Stoker

Musik: Hans Erdmann

Darsteller: , ,

 

Nosferatu 001Einem Meisterwerk wie „Nosferatu“ eine weitere Kritik hinzuzufügen ist kein leichtes Unterfangen. Im Grunde genommen haben seit Siegfried Kracauer schon ganze Generationen von Rezensenten den Versuch unternommen, den Reiz und die Geheimnisse des Films zu ergründen, so dass man sich am einfachsten mit einem schnell hingesudelten Verriss der Marke „Doc Evil“ helfen könnte, in dem man herumnörgelt, dass in „Nosferatu“ ja gar nicht geredet wird und man als Zuschauer sogar Texttafeln lesen (!) muss, was sich wegen der miesen Trickeffekte und des nichtvorhandenen Splatteranteils aber sowieso nicht lohnt (dabei das dicke FAZIT nicht vergessen).

Oder man macht es sich bequem und folgt dem Grundsatz „nix gschwätzt isch Lob gnuag“.

Damit mir aber nicht der Herr Westerteicher aufs Dach steigt überlasse ich das Schweigen den Lämmern und werfe einen hoffentlich frischen Blick auf einen inzwischen unter unzähligen Gesichtspunkten regelrecht zu Tode analysierten Klassiker. Immerhin wurde er sogar in den „Filmkanon“ und damit in die Liste der immergleichen Lieblingsfilme der immergleichen schlauen Köpfe der deutschen Filmwissenschaften aufgenommen, befindet sich damit in der Gesellschaft anerkannter großer Kunstwerke, kurz: man hat gefälligst ehrfurchtsvoll den Hut zu ziehen, mit wichtiger Miene irgendwas von Expressionismus oder dem über der Weimarer Zeit drohenden Schatten des Nationalsozialismus zu schwadronieren, der sich bereits 1922 abzuzeichnen begann, usw. usf. Nosferatu 002Eher verschämt hingegen, zumeist sogar offen widerwillig, wird von neunmalkluger Seite zugegeben, dass es sich ungeachtet aller künstlerischen Vorzüge in erster Linie um einen Horrorfilm handelt – tatsächlich hat die Wahrnehmung von „Nosferatu“ als Kunstwerk ersten Ranges den Blick auf diesen Umstand sogar lange Zeit völlig verstellt und erst in dem kleinen Reclam-Band „Der Horrorfilm“ wurde ein erster Versuch unternommen, Murnaus Film seinen Platz im Genre zurückzugeben.

Dabei kann der Film von sich behaupten, neben dem verschollenen ungarischen „Drakula“ die erste weitgehend vorlagengetreue Adaption von Bram Stokers Vampirroman zu sein. Um das Problem mit dem Copyright zu umgehen änderte man zwar einige Namen und Details, im Kern war man aber trotzdem so dicht an der Vorlage, dass man schließlich einen Prozess wegen Urheberrechtsverletzung verlor und sämtliche Kopien vernichtet werden mussten. Allerdings war das auch schon Jahrzehnte vor der staatlichen Einziehung und Vernichtung von Horrorfilmen, wie sie zu Beginn der 80er Jahre in Deutschland zur Unsitte werden sollte, leichter gesagt als getan, denn etliche Kopien waren bereits ans Ausland verkauft, weshalb der Film weiter in den unterschiedlichsten Schnittfassungen durch die Kinos geisterte (Untote sind nun mal nicht totzukriegen). Dass inzwischen ausgerechnet die Murnau-Stiftung auf das Urheberrecht pocht um die Veröffentlichung der sogenannten Vorbehaltsfilme, also all der unsäglichen Hetz- und Propagandamachwerke aus dem Dritten Reich zu unterbinden wirkt unter diesem Blickwinkel jedenfalls wie ein Treppenwitz der Filmgeschichte.

Nosferatu 003Doch wir waren nicht beim „Ewigen Juden“ von Fritz Hippler, der sich die Rattensymbolik von „Nosferatu“ für seinen antisemitischen Geifer ausborgte, sondern in der Stadt Wisborg, anno 1838: Hier erhält der junge Immobilienmakler Hutter von seinem Chef Knock den Auftrag, ins ferne Transsylvanien zu reisen, da der sinistre Graf Orlok einen alten Kasten in der direkten Nachbarschaft zu erwerben gedenkt. Womit Murnau bereits die grundlegende Dreiecksgeschichte seines Films entwickelt, denn bei genauem Hinsehen stimmt mit der Ehe der Hutters etwas nicht. Seine Frau ist eine Nummer zu emotional und heult sogar wegen der getöteten Blumen, die ihr der liebende Gatte als Strauß überreicht. An so viel Heiligkeit kann sich jeder Veganer eine Scheibe abschneiden, da kommt nur noch Russel Crowe als „Noah“ mit und wie es um die Bettakrobatik im Hause Hutter bestellt ist will man danach schon gar nicht mehr wissen. Das halbverfallene Gebäude gegenüber macht den neuen Bewohner darum noch bevor er überhaupt selbst auf der Bildfläche erscheint zu einem bösen Doppelgänger, der den nötigen Schwung in ein ohnehin bereits defektes System bringen wird. Sehr schön darum auch die Anmerkung von Knock, der Auftrag werde Hutter lediglich ein wenig Schweiß und Blut kosten.

Nosferatu 006Nach einer spannenden Reise ins ferne Land (Rumänien ist so exotisch, dass sich dort sogar Streifenhyänen herumtreiben) tritt dann endlich Orlok persönlich auf und straft die pubertären „Twilight“-Vorstellungen vom bleichen Schönling Lügen, denn der von Max Schreck (welch ein Name!) gespielte Vampir ist hässlich, ausgemergelt, mit steifen Bewegungen, die dazu geführt haben, dass er als bewegter Phallus interpretiert wurde.[1] Und obendrein ist er auch noch bisexuell, denn er fällt prompt über Hutter her, als sich dieser mit dem Brotmesser in die Finger schneidet. Außerdem verguckt er sich ins Foto seiner Gattin, weshalb er schließlich kurzerhand nach Wisborg umsiedelt. Auf dem Weg dorthin dezimiert er eine ganze Schiffsbesatzung und in Form zahlreicher Ratten folgt ihm die Pestilenz auf dem Fuße, so dass in Wisborg schon bald das große Sterben beginnen kann.

Nosferatu 011Bei alldem bleibt „Nosferatu“ allerdings stark am eigentlichen Drama um das Eheproblem der Hutters. Zwar ist Orlok durchaus auch für die Pestepidemie verantwortlich, doch hat die Seuchenthematik ihrerseits bereits viel mit der Angst vor Geschlechtskrankheiten wie Syphilis zu tun (wenngleich Stokers Roman in diesem Punkt noch deutlicher ist weil der Vampirismus an seine Opfer weitergegeben wird). Am deutlichsten jedoch wird dieser Zusammenhang dadurch, dass nur ein „sündlos Weib“ dem Vampir gefährlich werden kann – und die Rolle dieses Jungfrauenopfers ist Hutters Gattin zugedacht. Gewissermaßen brauchen die Hutters also den mit seinen spitzen Zähnen und Fledermausohren an ein Raubtier erinnernden Phallus Orlok, um den ehelichen Beischlaf zu vollziehen, der gemäß der puritanischen Regeln des Genres als tragische Befreiung endet. Wenn man so will arbeitet der Film einzig auf diesen einen großen Orgasmus hin, der den Herrn Orlok im Strahl der aufgehenden Sonne verglühen lässt.

Umgesetzt wird diese Schauermär wie auch im Roman als Tagebuchaufzeichnung bzw. als vorgeblich authentischer Bericht über die Pest in Wisborg, mit zahlreichen literarischen Einsprengseln (Zeitungsartikel, Logbücher, Auszüge aus einem „Fachbuch“ über Vampire), die den Eindruck der fiktiven Faktizität noch unterstreichen. Zugunsten dieses realistischen Ansatzes, der die übernatürlichen Geschehnisse glaubhaft machen soll, verzichtete Murnau auch auf die Theaterbühnen-Ästhetik eines „Das Cabinett des Dr. Caligari“ und drehte nicht im Studio, sondern in der Natur bzw. an diversen Originalschauplätzen, woraus sich ein seltsamer fantastischer Naturalismus ergibt, der den Film bis heute so faszinierend macht. Selbst wenn einige technische Mätzchen wie Stop-Tricks oder die beschleunigte Kutschfahrt durch die Karpaten aus heutiger Sicht wie lachhafte Spielereien aus den Kindertagen des Kinos wirken.

Nosferatu 008Und selbst wenn der Einfluss von „Nosferatu“ zunächst nicht sonderlich groß war – spätere Vampirfilme wie „Dracula“ von 1931 setzten eigene Akzente – gibt es eine Menge inzwischen ikonischer Szenen zu sehen: die Froschperspektive auf den auf dem Schiff umhergehenden Grafen, die endlose Prozession der Sargträger in Wisborg, nicht zu vergessen das Spiel mit Licht und Schatten, sehr schön in der Szene als sich der Schatten von Orloks Hand über Ellen Hutters Herz zusammenkrampft, oder auch die quälend lange Szene, in der das inzwischen nur noch mit Orlok bemannte Schiff im Hafen einläuft (durch die seltsame Kameraperspektive ergibt sich so der Eindruck einer unausweichlichen Schicksalhaftigkeit). Und schließlich der sich an Ellen labende Vampir selbst – wie Orlok da so im Halbdunkel über sie gebeugt in die Kamera und damit dem Zuschauer direkt ins Auge blickt ist auch im Zeitalter von CGI-Overkill ziemlich beeindruckend, gewissermaßen eine ödipale Urszene des beim Voyerismus erwischten Beobachters.

Nosferatu 009Die allgemeine Bedrohlichkeit Orloks wird übrigens auch noch dadurch verstärkt, dass es in „Nosferatu“ keinen Dr. Van Helsing gibt. Zwar doziert auch hier ein Gelehrter über Venusfliegenfallen und Polypen, doch werden die Männer der Ordnung und der Wissenschaft nicht aktiv, wohingegen Orlok durch die Verweise auf das allgegenwärtige Fressen und Gefressenwerden in der Natur gewissermaßen an die Spitze der Nahrungskette befördert wird – sexuell konnotiert durch die Venusfliegenfalle und (möglicherweise) auch in einem mythisch religiösen Sinne durch die Hydra, denn dieses einst von Herakles bezwungene Untier hat etliche Gemeinsamkeiten mit dem „Tier aus dem Meer“ der Johannesapokalypse (und immerhin kommt Orlok über das Meer gesegelt um Tod und Verderben zu bringen).[2]

Politisch kann man mit einem so reichhaltigen Film natürlich auch allerlei Unfug anstellen, beispielsweise die bitteren Erfahrungen mit der spanischen Grippe hineininterpretieren, die nach dem 1. Weltkrieg grassierte, oder die Rattenplage wie Fritz Hippler mit einer angeblichen Unterwanderung durch das Ostjudentum gleichsetzen, doch beim Wühlen durch die Sekundärliteratur erschienen mir diese Diskurse allesamt ein wenig zu aufgesetzt und nicht wirklich schlüssig. Denn dadurch, dass Murnau die Handlung ins 19. Jahrhundert verlegt betont er ja gerade die nicht an einen zeitlichen Kontext gebundene Gleichnishaftigkeit seiner filmischen Erzählung – dass beispielsweise der Antisemitismus ebenfalls handfeste sexuelle Ursachen hat, weshalb sich seine Symbolik in gewissen Punkten mit derjenigen in Horrorgeschichten deckt, kann nicht Murnau zum Vorwurf gemacht werden. Nosferatu 013Vielmehr sollte man einmal generell hinterfragen, aus welcher Schicht des Unterbewusstseins die panische Angst vor dem Lustmolch aus fernen Landen stammt, denn auch wenn es unzweifelhaft eine Menge schlechte Menschen gibt – die Projektion des verdrängten Bösen in uns selbst auf den „Anderen“ demonstriert „Nosferatu“ überaus eindrucksvoll, weshalb es nicht verwundert, dass unter der Regie von Werner Herzog schließlich aus dem Grafen Orlok eine bemitleidenswerte Figur wurde und auch „Dracula“ von Francis Ford Coppola die bei Bram Stoker nicht vorhandene Liebesgeschichte in den Vordergrund stellte.

Seit 2005 hat übrigens dankenswerterweise das Fassungswirrwarr von „Nosferatu“ ein Ende gefunden. Der Film wurde inzwischen aufwändig aus zahlreichen Quellen restauriert, die originalen Texttafeln (stilgerecht in Sütterlin) wiederhergestellt, die von Hans Erdmann komponierte Musik neu eingespielt und sogar die Viragierung hat man nicht vergessen, denn die alten Stummfilme waren nicht schwarzweiß sondern wurden jeweils passend zur Tages- oder Nachtzeit der Handlung eingefärbt. In Summe ist somit ein Film, der ohnehin in jede Sammlung gehört, endlich in der bestmöglichen Präsentation verfügbar.

[1] Schifferle, Hans: Die 100 besten Horrorfilme

[2] Auf diese zugegebenermaßen spekulative Idee hat mich das Musikvideo „Cryptorchid“ von Marilyn Manson gebracht. Regie führte E. Elias Merhige, der mit „Shadow of the Vampire“ einen sehenswerten Horrorfilm über die Dreharbeiten zu „Nosferatu“ ablieferte. http://www.nachtkabarett.com/theThirdAndFinalBeast/TheAntichrist

Alexander

 

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