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(USA 2013)

Regisseur: Randy Moore

Drehbuch: Randy Moore

Darsteller: Roy Abramsohn, Elena Schuber, Katelynn Rodriguez

 

 

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Do you know how much depends on this? We had to shut down the Buzz Lightyear!

 

Es ist der letzte Tag des Familienurlaubs, als Jim White (Roy Abramsohn) auf dem Hotelbalkon die Hiobsbotschaft seiner Kündigung empfängt. Siesaugt ihm die restliche Lebenskraft aus den Gliedern, um Platz zu machen für nackte Panik, die in intensiven, rhythmischen Wellen von der Magengegend in die schlaffen Glieder ausstrahlt – Metastasen der Angst.

escape from tomorrow 006Im Hotelzimmer hinter ihm wartet seine Frau (Elena Schuber) auf ihren Mitspieler in der Tragikömodie der Ehe. Eine Frau, die ihrem Äußeren nach langen Beziehungsjahren genauso wenig Beachtung schenkt wie Jims Schwanz. In Disneyland, an diesem Ort der faschistischen Glückseligkeit, wird dem Familienvater klar, wie wenig er dieses Leben liebt und wie wenig es mit dem Ideal, das er sich in jungen Jahren erträumte, gemeinsam hat. Begleitet vom Quengeln seiner Kinder, wankt er an den Balkonrand und inspiziert den sich auftuenden Abgrund, der Möglichkeit bietet, sein letztes Kapital einzulösen: den Freitod. Doch dann zögert Jim und wie ein Tier, das in die Falle gegangen ist und sich zur Befreiung des eingeklemmten Beines entledigt, wird ihm klar, dass Opfer gefordert sind, um dieser Zukunft, seinem schrecklichen Morgen zu entfliehen. In psychotischem Zustand tritt er eine Reise durch die Welten von Walt Disney an, die durch surreale Bilder zu ihm sprechen. Doch Jims Flucht ist eine aus dem gedanklichen Alcatraz, denn Verantwortungsgefühl und die Angst vor Veränderung stellen sich ihm als unbarmherzige Gefängniswärter in den Weg.

escape from tomorrow 002Die Existenz eines Ortes wie Disneyland hat etwas Zynisches. Während sich die Besucher für einige Tage im Zuckerguss verlieren, warten vor den Toren des Märchenschlosses die Krebsdiagnosen und Trennungen. Diese trügerische Ablenkung ist auch Motiv in Randy Moores Debut Escape from Tomorrow, dessen Inhalt und Entstehungsgeschichte gleichsam absurd sind.

Escape from Tomorrow steht für die Demokratisierung von Film. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt dem Aufkommen digitaler Spiegelreflexkameras zu verdanken. Moore realisierte sein Mindfuckdrama mit einer Canon 5DMark2, die etwa 1000 Euro kostet – eine Volkskamera. Die Geschichte wurde aus praktischen Gründen in Schwarzweiß fotografiert, da sich die Dateien der Canon nur eingeschränkt für eine Farbbearbeitung eignen. Dass der monochrome Stil einem Werk, das von harten Kontrasten erzählt, außerordentlich gutsteht, ist nur ein weiterer glücklicher Zufall, der vor dem Hintergrund der sonstigen Widrigkeiten nicht mehr zu verwundern weiß. escape from tomorrow 003Denn beachtlicher sind die Umstände des Drehs, die Guerillataktiken erforderten. Ohne Drehgenehmigung bewegte sich das Team touristisch verkleidet durch die Szenerien und filmte in den Fahrgeschäften. Wer einmal Erfahrung an einem Set gesammelt hat, weiß, welche unglaublichen Probleme hinsichtlich Choreographie, Beleuchtung und Regieanweisungen zu lösen waren. Zudem ist es ein Wunder, dass Disney aus Kalkül auf einen Rechtsstreit verzichtete, wollte man dem Werk doch keine kostenlose Werbung verschaffen. Dieses Wunder kann als Aufforderung an alle kreativen Pleitegeier verstanden werden. Eine Offenbarung dessen, was mit geringen Mitteln erschaffen werden kann. Es handelt sich daher um nichts Geringeres als um einen Angriff auf die Hegemonie großer Produktionsfirmen, was Moores Debut ganz abgesehen von seinen erzählerischen Qualitäten so sehenswert macht.

escape from tomorrow 001Diese erzählerischen Qualitäten entfalten sich aber nur dem völlig, der bereit ist, sich auf Ungewöhnliches einzulassen. Es überrascht daher nicht, dass die IMDb-Nutzerbewertungen nur mittelmäßig ausfallen. Nimmt der Zuschauer die Herausforderung jedoch an, so empfängt er eine ebenso unangenehme wie geniale Belohnung. Der Regisseur pflanzt nämlich schreckliche Bilder in den Kopf seiner Hauptfigur, deren Symbolik sich aus Science Fiction-, Märchenelementen und dem Disneyuniversum speist und die sich auch in die Hirne des Publikums brennen. Damit kitzelt Escape from Tomorrowdie Kastrationsangst seiner männlichen Zuschauer, während das Spiel der perfekt gewählten Besetzung zur schauerlichen Erfahrung beiträgt. Fast stofflich wird greifbar, welchen Depressionsdruck der zum Kasper degradierte Jim in der Brust trägt. Als Entmannter ist er nur noch Spielball der Frau und eines ödipalen Sohnes, der listig auf den Platz des Familienoberhaupts lauert. Es fällt schwer, sich mit Jims ganzer Erbärmlichkeit gemein zu machen und der Beobachter schwankt zwischen Mitleid und Verachtung, während er in voller Negativfaszination schwört, nie in einem solchen Morgen aufzuwachen.


 

Christoph

 

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